Manuel Werner im Gespräch mit Martin Haberer

 

Ein Interview mit dem „Altmeister”

Martin, wir würden gerne wissen, wie bei Dir Deine Semperviven-Leidenschaft begann. Wann und wie wurde bei Dir der erste Hauch eines Interesses geweckt?

Das war bei einer Wanderung vor etwa 30 Jahren in den Alpen, wo ich viele verschiedene Arten antraf. Dann bat ich einen Staudengärtner um ein kleines Sortiment, fand auf Anhieb gleiche Formen, aber unter verschiedener Bezeichnung. Damals wollte ich versuchen, im Sortiment etwas Ordnung zu schaffen, und pflanzte diese und weitere Formen auf meinem neuen Garagendach an.

 

Ab wann fingst Du an, Dich züchterisch zu betätigen, also neue Sorten zu kreieren?

Und was war Deine höchste Auszeichnung?

Vor ungefähr 25 Jahren. Vom Samen, den ich auf dem Dach erntete, machte ich Aussaaten und staunte, wie viele neue Formen dabei entstanden.

Neben vielen Gold-, Silber- und Bronzemedaillen bei Bundesgartenschauen in Bonn, Stuttgart und Kassel erhielt ich auch 4 Goldmedaillen sowie den Ehrenpreis bei der IGA 83 München. In Kassel wurde mir auch der Ehrenpreis der Stadt verliehen.

 

Neue Semperviven züchten - wie macht man das eigentlich?

Es gibt mehrere Möglichkeiten: Wenn man viele Arten und Sorten besitzt, so kann man die Arbeit der Blütenbestäubung den Bienen überlassen. Allerdings kennt man dann nur die Mutterpflanze. Wer gezielt züchten möchte, der muss mit einem Pinselchen den Blütenstaub der ausgesuchten Vaterpflanze auf die Narben der Mutterpflanze übertragen und dann die Blüte mit Gaze umwickeln.

 

Welche Deiner Kreationen - ja, man könnte auch sagen ‘Kindel’ - sind Dir besonders ans Herz gewachsen?

Die Antwort auf diese Frage fällt mir nicht leicht, denn zu jeder Jahreszeit und Witterung gibt es Besonderes bei jeder Sorte zu entdecken. ´Reinhard´ ist zum Beispiel eine besonders kontrastreiche, dunkelgrüne Sorte mit dunkelbraunen Spitzen, ähnlich der S. calcareum. ´Tambora´ hat besonders kleine und dichte, rötliche Rosetten. ´Achalm´ und ´Ipf´ sowie ´Suleika´ sind neuere Auslesen. ´El Misti´ fällt gerade im Vorfrühling durch ihre rotleuchtenden Rosetten auf.

 

Deine persönlichen “Top-Ten” der Hauswurze (“Hauswurz-Hitparade”)?

Und welches Kultivar und welche Wildart rangiert bei Dir derzeit ganz oben?

Arachnoideum-Hybriden:

S. ´Camelot´, rote Naturhybride vom Ankogel, stark bewimpert,

S. ´Albion´, weiss blühende Spinnwebsorte,

S. ´Icicle,´ grossrosettig.

Arten:

S. ciliosum ´Borisii´, weiß bewimpert

S. calcareum ´Little Form vom Col de Gleize´

S. tectorum ´Boissieri´

S. montanum ´Stiriacum´

Sorten: ´Gallivarda´ und ´Sunset´

 

Dein lustigstes Erlebnis im Bereich der Semperviven - im weitesten Sinne?

Dass sich Nachbars Katze ausgerechnet meine Sempervivumschale als Sitzplatz ausgesucht hat. Offenbar war der Stein darin der wärmste Platz. Im nächsten Jahr war die Schale entzwei, offensichtlich war die Katze zu schwer!

 

Wie bringst Du Ordnung in Deine umfangreiche Sammlung?

Am besten hat sich eine Gliederung nach dem ABC bewährt. Allerdings habe ich verschiedene Untergruppen gebildet: Eigene Sorten, Gartenhybriden und Wildarten. Außerdem habe ich eine größere Anzahl von Sempervivum heuffelii (früher Jovibarba heuffelii), welche keine Ausläufer bilden.

 

Und welche Art der Kultivation hat sich bewährt?

Ich bevorzuge Viereck-Plastiktöpfe wegen des geringeren Gewichtes und ein durchlässiges Erdsubstrat.

 

Was macht für Dich persönlich den Reiz der Semperviven aus? Was ist für Dich das Faszinierende daran?

Zunächst ist die Rosette mit ihrer vollkommenen Spiralform einmalig schön, dazu kommen die verschiedenen Formen und Größen. Außerdem ändern sich die Farben der Rosetten mit der Jahreszeit und der Witterung. Dazu kommt noch die Anspruchslosigkeit dieser Pflanze. Durch ihre Sukkulenz kann sie viel Wärme und Trockenheit ertragen.

 

Du kennst ja nun fast alle Winkel unseres schönen blauen Planeten - welche Gegend gefällt Dir am besten, wo zieht es Dich immer wieder hin?

Es gibt so viele herrliche Flecken, wo man wunderschöne Pflanzen antreffen kann. Gerade komme ich aus Patagonien zurück, wo ich Veilchen fand, die eine Blattrosette wie eine Hauswurz gebildet haben. Es muß also nicht immer Sempervivum sein! Andererseits gefällt es mir prima in Südafrika, wo die Pflanzenwelt eine unglaubliche Vielfalt entwickelt hat. Dort gibt es auch eine Fülle von Sukkulenten.

 

Dein persönliches Semperviven-Paradies?

Sind sicherlich die Zentralalpen, darunter das Engadin und das Aostatal.

 

Was meint Deine Frau zu Deiner Hauswurz-Leidenschaft?

Sie freut sich daran genauso wie ich, mahnt aber immer wieder, wenn ich mich im Garten zu sehr ausbreite.

 

Das Führen einer Hauswurz-Kollektion ist mit viel Arbeit, aber auch mit viel Freude verbunden. - Was macht am meisten Arbeit? Und was gibt am meisten Freude?

Das jährliche Umtopfen ist bei den Sorten erforderlich, weil sie viele Nährstoffe verbrauchen. Könnte ich alles auspflanzen, wäre diese Arbeit wesentlich geringer. Doch erstens fehlt mir der Platz, zweitens machen mir die Amseln Kummer, weil sie die ausgepflanzten Rosetten nach Maden durchsuchen und dabei vieles durcheinander bringen.

 

Nun, nachdem Du pensioniert bist, welche Projekte hast Du - außer vielen Reisen?

Im Augenblick ist ein vierteiliges Werk über die wichtigsten Pflanzen im Garten und Haus in Arbeit. Dann soll in einigen Jahren ein Buch unter dem Namen: “Impressionen für den Steingarten” erscheinen.

 

Die Gründung einer Fachgruppe in der GdS im Frühjahr 1999 verweist darauf, dass das Interesse an dieser lange stiefmütterlich vernachlässigten, um nicht zu sagen, in einen Dornröschenschlaf versunkenen Pflanzengruppe wieder angestiegen ist, und rapide ansteigt.... Vorher waren wir Sempervivum-Vernarrten ja nur eine Handvoll. Welche Hoffnung verbindest Du mit dem Aufkommen dieser Fachgruppe?

Dass sich immer mehr Pflanzenfreunde an dieser wunderschönen und anspruchslosen Pflanze erfreuen. Ob damit irgendwann einmal Ordnung entsteht, vermag ich nicht zu sagen. Das Gebiet ist einfach zu umfangreich. Es gibt aber schon Freunde, die das Thema Sempervivum zur Dissertation ausgewählt haben.

 

Wie machst Du Deine legendär guten Fotos?

Ich arbeite mit Zwischenringen und Balgengerät an meiner Spiegelreflex. Für die Nahaufnahmen wird ein kleiner Blitz eingesetzt. Dadurch wird der Hintergrund dunkler, aber das eigentliche Motiv hervorgehoben.

 

Das Allerwichtigste beim Umgang mit Hauswurzen?

Sie sind zwar sehr anspruchslos, aber man darf sie nicht verhungern lassen. Ausgepflanzt werden sie mit dem Alter immer schöner.

 

Was lehren einen die Semperviven?

Dass auch die kleinen Dinge im Leben viel Freude machen können.

 

Was möchtest Du Neulingen als Rat und Tipp mit auf den Semper-Weg geben?

Eine Sammlung soll organisch wachsen, also ist ein langsamer Aufbau besser als zu viel auf einmal.

 

Martin, ich bedanke mich herzlich für das Gespräch und Deine Antworten.

 

Das Interview führte Manuel Werner im Jahre 2001.

Mit freundlicher Genehmigung aus dem Buch Steinrosen und der Zeitschrift Semperpost von Horst-D. Röhr

 

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